Wer hat den Autos ihre Form gegeben? Die klassische Designliteratur wendet sich vor allem Designern zu, die Möbel, Schreibmaschinen oder Tassen gestaltet haben. Aber wo bleiben die Schöpfer des »technischen Zentralobjekts der Moderne«, wie der Philosoph Sloterdijk das Auto genannt hat? Dieser Blog zeichnet die Geschichte der automobilen Formgebung nach.
Montag, 20. Oktober 2014
Blog-Umzug
Liebe Freunde von "Masters of Car Design", der Blog ist umgezogen auf meine Website www.markus-caspers.de/Blog. Dort werde ich in loser Folge die Etappen und Fragen des Automobildesigns weiter erörtern.
Mittwoch, 23. April 2014
Folge 17: Untergegangen im Wohlstand
Trotz Wirtschaftswunder nahm die Konzentration der Automobilindustrie in den 1950er Jahren in Deutschland zu. Die Vielfalt der Hersteller war bereits in den 1920er Jahren massiv geschrumpft, nach dem Ende des 2. Weltkriegs setzte sich dieser Prozess fort, auch wenn hin und wieder neue Marken auf den Markt drängten. So begann Ende der 1950er Jahre der Landmaschinenhersteller Glas nach dem italienischem Vorbild ISO Motorroller und Kleinstwagen zu produzieren. Das Glas Goggomobil wurde so erfolgreich, das die Hans Glas GmbH ihre Modellpalette erweiterte und ab 1962 eine hochmodernes Portfolio von Autos der unteren bis zur oberen Mittelklasse besaß. Designt hatte sie allesamt Pietro Frua, nach Giovanni Michelotti das bekannteste Ein-Mann-Studio Italiens. 1966 wollte Glas in die Oberklasse vorstoßen und präsentierte ein V8-Coupé, wieder von Frua gezeichnet, das man in Deutschland »Glaserati« nannte wegen seiner Ähnlichlichkeit zu von Frua designten Sportwagen der Dreizack-Marke. Doch so viel Extravaganz war für Glas zu viel. Ende 1966 übernahm BMW die Marke und das Werk.
Vor seinem Engagement für Glas wurde Frua bereits für einen anderen deutschen Hersteller tätig: Borgward. Das Bremer Unternehmen hatte schon in den 1920er Jahren die Marken Hansa und Lloyd akquiriert, die nach dem Krieg als Produktlinien im Konzern weiter liefen. Um 1957/58 begann die Zusammenarbeit mit Pietro Frua, die das Kleinwagen-Cabrio Lloyd Alexander hervorbrachte. Doch man munkelt auch, das Frua am Borgward Isabella Coupé mitgearbeitet hat, vor allem aber am Prestigeobjekt P100, dem »großen Borgward«. Noch deutlicher spricht beim Goliath-Hansa 1300 von 1960 die Front mit der Blinker-Standleuchteneinheit eine deutliche Frua-Formensprache. 1961 musste Borgward Konkurs anmelden.
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| Zweimal Glas, zweimal Frua: Der "große" GT, eigentlich ein sehr zierliches Auto, und der Glas 1500. |
Vor seinem Engagement für Glas wurde Frua bereits für einen anderen deutschen Hersteller tätig: Borgward. Das Bremer Unternehmen hatte schon in den 1920er Jahren die Marken Hansa und Lloyd akquiriert, die nach dem Krieg als Produktlinien im Konzern weiter liefen. Um 1957/58 begann die Zusammenarbeit mit Pietro Frua, die das Kleinwagen-Cabrio Lloyd Alexander hervorbrachte. Doch man munkelt auch, das Frua am Borgward Isabella Coupé mitgearbeitet hat, vor allem aber am Prestigeobjekt P100, dem »großen Borgward«. Noch deutlicher spricht beim Goliath-Hansa 1300 von 1960 die Front mit der Blinker-Standleuchteneinheit eine deutliche Frua-Formensprache. 1961 musste Borgward Konkurs anmelden.
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| Design zwischen Detroit, Turin und Lüneburger Heide: Der Borgward P100, das Repräsentationsfahrzeug mit Luftfederung und Komfort á la Mercedes. |
Mittwoch, 29. Mai 2013
Folge 16: Kritik der praktischen Vernunft
"Designer-Autos", also Autos, die von Designer-Designern designt wurden, haben häufig etwas Seltsames, und noch häufiger gehen sie gar nicht erst in Serie. Es scheint, dass das grundlegende Nachdenken über das Automobil zu so radikalen Lösungen führt, dass weder Publikum noch Industrie angetan sind. Die Form wird beim Vernunft-Design entweder nachlässig als notwendiges Übel mitgezeichnet oder bewusst als vernünftige Form ohne Schnickschnack konzipiert.
1965 wurde der Prototyp des "Autonova Fam" präsentiert, ein kompakter Van für Stadt und Reise. Konzipiert und designt hatten ihn der damals sehr bekannte Autojournalist Fritz B. Busch und zwei Studenten der Hochschule für Gestaltung in Ulm, Michael Conrad und Piero Manzoni (in lombardischer Schreibweise Pio Manzú). Der Wagen sollte das Stadtauto der Zukunft werden.
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| Der Autonova Fam von Michael Conrad, Piero Manzú und Fritz B. Busch. Foto M. Caspers |
Conrad und Manzoni/Manzù durften nach eigener Aussage an der HfG Ulm "Autos nicht einmal erwähnen", wie es im Nachrichtenmagazin Der Spiegel, Ausgabe 39 von 1965 hieß, wollten aber unbedingt Autos designen. Das Projekt Autonova machten sie heimlich. Die Zurechnung des Autonova Fam zu den Studienleistungen der HfG Ulm ist somit nicht zutreffend.
Die Bodengruppe kam vom deutschen Hersteller Glas, dessen 1300 ccm-Motor als sehr fortschrittlich und leistungsstark galt. Gesponsort wurde das Konzeptauto außerdem von NSU und dem Reifenhersteller Veith-Pirelli. Alle Medien berichteten, für die Sponsoren hatte der "Fam" seine Schuldigkeit getan.
Die Bodengruppe kam vom deutschen Hersteller Glas, dessen 1300 ccm-Motor als sehr fortschrittlich und leistungsstark galt. Gesponsort wurde das Konzeptauto außerdem von NSU und dem Reifenhersteller Veith-Pirelli. Alle Medien berichteten, für die Sponsoren hatte der "Fam" seine Schuldigkeit getan.
Das Problem: Den "Fam" konnte man – wie es Der Spiegel genüsslich tat – nicht allein der Form wegen, sondern der Technik wegen kritisieren: zu schwer, zu stark motorisiert, zu schlecht verarbeitet. Da die Form keinerlei Repräsentationsaspekte bot und der Prototyp auch noch in Weiss lackiert war, standen die Chancen für die Serienfertigung schlecht.
Conrad gründete nach dem Studium mit zwei Ex-Kommilitonen ein Designbüro bei Stuttgart; Manzù ging zu Fiat und entwarf dort 1969/70 den Fiat 127, bevor er kurz darauf unerwartet starb.
Dienstag, 28. Mai 2013
Folge 15: Automobildesigner werden – wie ging das?
1928 gilt als Geburtsjahr des Industrial Design: Raymond Loewy bekommt seinen ersten Auftrag als Formgestalter und macht sich daraufhin als Industial Designer selbstständig; Harley Earl ist von L.A. nach Detroit zu General Motors gewechselt und baut die Art & Colour Section auf, die erste Designabteilung bei einem Automobilhersteller. Mit zunehmendem Einfluss der Form auf den Verkaufserfolg werden Industrial Designer und Stylisten (so heißen die Entwerfer für Autos bis in die 1980er Jahre) Hände ringend gesucht. Doch woher nehmen? Den Beruf gab es ja vorher gar nicht.
Zur gleichen Zeit arbeitet man in Europa – bspw. im Bauhaus – mit Hochdruck an der Ausbildung von Industriegestaltern, allerdings kämpft man mit dem Prototypenbau für Möbel, Leuchten und Kaffeegeschirr. An Automobile wagt sich niemand.
Die ersten Automobildesigner sind im früheren Leben Zeichner bzw. Werbegrafiker gewesen; jetzt versuchen sie, ihr dreidimensionales Verständnis und ihre Phantasie in 1:1-Zeichnungen mit Kohle oder Kreide auf die Studiowand zu bringen. Der enorme Bedarf an Designern allein bei GM führt dazu, dass der Konzern gemeinsam mit dem Karosseriehersteller Fisher Body einen Wettbewerb für talentierte Jungen startet, die Fisher Body Craftsmanship. Aus den eingereichten Zeichnungen und Modellen werden die besten ausgewählt und veröffentlicht, ihre Schöpfer können eine Ausbildung in den werkseigenen Ateliers machen und als Stylisten beginnen. Dem Leiter der Stylingabteilung von GM, Harley Earl, ist sehr an der Ausbildung des Nachwuchses gelegen. Vor 1930 hatte es nur Privatunterricht bei ehemaligen freiberuflichen Entwerfern wie dem amerikanischen Pionier Andrew F. Johnson gegeben, die ihre Kursinhalte teilweise auch postalisch als Fernstudium anboten. Jetzt bieten die großen Automobil- und Karosserie-Hersteller Inhouse-Colleges für talentierte Zeichner an.
Die ersten "regulären" Colleges Amerikas, in denen man Design studieren konnte, waren das Pasadena Art Center College of Design in Los Angeles (ab 1931) und die Pratt School of Design in New York (ab 1932). GM baute ab 1938 ein eigenes Institut, das Detroit Institute of Automotive Design (DIAS) auf. Erst in den 1950er Jahren wandten sich einige wenige Kunst- und Designhochschulen dem Industrial Design im Allgemeinen und dem Automotive Design im Besonderen zu. Deshalb haben die meisten europäischen Designer, die zwischen 1955 und 1970 ihre Karriere beginnen, noch keine Designausbildung im heutigen Sinn, sondern kommen als Zeichner und Illustratoren in die Entwurfsabteilungen – bei Pininfarina genauso wie bei Mercedes-Benz oder Auto-Union.
Zur gleichen Zeit arbeitet man in Europa – bspw. im Bauhaus – mit Hochdruck an der Ausbildung von Industriegestaltern, allerdings kämpft man mit dem Prototypenbau für Möbel, Leuchten und Kaffeegeschirr. An Automobile wagt sich niemand.
Die ersten Automobildesigner sind im früheren Leben Zeichner bzw. Werbegrafiker gewesen; jetzt versuchen sie, ihr dreidimensionales Verständnis und ihre Phantasie in 1:1-Zeichnungen mit Kohle oder Kreide auf die Studiowand zu bringen. Der enorme Bedarf an Designern allein bei GM führt dazu, dass der Konzern gemeinsam mit dem Karosseriehersteller Fisher Body einen Wettbewerb für talentierte Jungen startet, die Fisher Body Craftsmanship. Aus den eingereichten Zeichnungen und Modellen werden die besten ausgewählt und veröffentlicht, ihre Schöpfer können eine Ausbildung in den werkseigenen Ateliers machen und als Stylisten beginnen. Dem Leiter der Stylingabteilung von GM, Harley Earl, ist sehr an der Ausbildung des Nachwuchses gelegen. Vor 1930 hatte es nur Privatunterricht bei ehemaligen freiberuflichen Entwerfern wie dem amerikanischen Pionier Andrew F. Johnson gegeben, die ihre Kursinhalte teilweise auch postalisch als Fernstudium anboten. Jetzt bieten die großen Automobil- und Karosserie-Hersteller Inhouse-Colleges für talentierte Zeichner an.
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| Der ehemalige GM-Designer Strother McMinn unterrichtet Automotive Design am Pasadena Art Center College; 1960. Foto: Art Center College of Design |
Die ersten "regulären" Colleges Amerikas, in denen man Design studieren konnte, waren das Pasadena Art Center College of Design in Los Angeles (ab 1931) und die Pratt School of Design in New York (ab 1932). GM baute ab 1938 ein eigenes Institut, das Detroit Institute of Automotive Design (DIAS) auf. Erst in den 1950er Jahren wandten sich einige wenige Kunst- und Designhochschulen dem Industrial Design im Allgemeinen und dem Automotive Design im Besonderen zu. Deshalb haben die meisten europäischen Designer, die zwischen 1955 und 1970 ihre Karriere beginnen, noch keine Designausbildung im heutigen Sinn, sondern kommen als Zeichner und Illustratoren in die Entwurfsabteilungen – bei Pininfarina genauso wie bei Mercedes-Benz oder Auto-Union.
Montag, 27. August 2012
Folge 14: Ist Automobildesign männlich?
Ist
Automobildesign männlich?
Die Frauen in
den Studios
Wer die Namenslisten der Design- und Stylingstudios
durchgeht, stößt selten auf weibliche Designer. Woher kommt das? Als das
Automobildesign begann, eine eigene professionelle Branche zu werden, schienen
sich nur Jungs für diesen Beruf zu begeistern. Die Talent- und
Ausbildungswettbewerbe der „Großen Drei“ (GM, Ford, Chrysler) richteten sich
dezidiert an junge Männer. In den späten 1930er Jahren erkannte die
Marktforschung, dass die Entscheidung zum Autokauf in großem Umfang von Frauen
mitbestimmt wurde. Ihnen musste der Wagen genauso gefallen wie dem Mann. So kam
man auf eine interessante Teilung: Exterior Design wurde von Männern für Männer
gemacht. Sozialprestige, Status, Posing – das musste vom Karosseriedesign
befriedigt werden. Innen jedoch musste der Wagen vor allem den Frauen gefallen:
Sitzbezüge, Ausstattungsdetails, Schalter, Gadgets – das war die weibliche Seite des Automobils..
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| Der 1941er Modelljahrgang von Hudson war in vielen Details von Betty Thatcher-Oros designt worden. |
Die erste: Betty
Thatcher
Der Wettbewerb auf dem amerikanischen Markt
zwang vor allem die kleineren US-Hersteller, andere Wege zu gehen als die
Großen. Hudson wollte es zu Beginn der 1940er Jahre der Konkurrenz zeigen, indem man für das Exterior Design bekannte Designer verpflichtete. Außerdem sollten die Interiors von einer Frau für Frauen gestaltet werden. 1939 kam die gerade zur Industriedesignerin graduierte Betty Thatcher zu Hudson, um die
Modelljahrgänge 1940/41 zu designen. Bei Hudson lernte sie ihren Mann, den Designer Joe
Oros kennen. Als dieser zu GM und später zu Ford wechselte, kündigte Betty Thatcher-Oros ihren Hudson-Vertrag, um
Konkurrenzkonflikten aus dem Weg zu gehen.
Der
erste weibliche Stardesigner: Helene Rother
Die Deutsch-Französin Helene Rother schaffte etwas,
was 1943 vollkommen ungewöhnlich war: Sie wurde Designerin bei GM. Doch nicht
nur das: Die 1940 aus dem von den Nazis besetzten Frankreich mit ihrer 7-jährigen
Tochter geflohene Rother gehörte außerdem zu den bestbezahlten Designern
überhaupt. Sie verdiente 1945 monatlich $ 600, die meisten ihrer Kollegen nur
etwa $ 200. 1947 machte sie sich erneut als Industriedesignerin selbständig und
entwarf für verschiedene Hersteller Interieurs und Polsterstoffe. Nash, neben
Studebaker der letzte verbliebene kleinere Hersteller, verpflichtete Rother von
1949 bis 1954 für die Innenausstattung und warb mit dem Slogan »Styling von
Pininfarina, Innenausstattung von Madame Helene Rother, Paris«.
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| GM-Designchef Harley Earl mit dem ersten rein weiblichen Designteam der Automobilindustrie, um 1956. Die "Kacheln" an der Wand sind Farbmuster. (Foto GM Corp.) |
GM
macht Ernst: Die erste weibliche Designabteilung
Der erste Designchef von GM, Harley Earl,
galt als Rabauke: Er fluchte, trank, machte Mitarbeiter gerne einen
Kopf kürzer und galt als extrem launisch. Aber er war auch ein extrem wacher
Mensch, der Trends sofort aufspürte und dann durchsetzte, was er für notwendig
hielt. 1955 krempelte er die Abteilung Interior Design um und besetzte ein Team
nur mit Frauen. In der Presse firmierten die sechs Designerinnen im damaligen
Jargon als die »Damsels of Design«, was etwa so seriös klingt wie das
berüchtigte »Fräulein vom Amt«. Suzanne
Vanderbilt, Marjorie Ford, Ruth Glennie, Sandra Longyear, Peggy Sauer und Jeanette
Linder erarbeiteten komplette Zukunftsinterieurs für Automobile und Wohnungen,
die man sich damals vor allem ferngesteuert vorstellte. 1961 schied Harley Earl
als Designchef von GM aus. Sein Nachfolger Bill Mitchell hatte vieles mit Earl
gemein, nur nicht die Experimentierfreude. 1963 löste er die Abteilung auf. Er
war als Chauvinist überzeugt, dass nur Männer Autos entwerfen können.
Samstag, 25. August 2012
Folge 13: Design im British Empire, Pt. 1
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Design im
British Empire, Teil 1
Klassenbewusstsein
auf vier Rädern
Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten britische Automobile
teilweise als schnell, teilweise als luxuriös, teilweise als sportlich
gegolten, gestalterisch waren sie nicht weiter aufgefallen. Aufregende Designs
für Bentleys oder Rolls kamen von französischen Karrossiers; die automobile
Form wurde erst ab 1950 als Argument am Markt erkannt.
Es war vor allem die Marke Jaguar, die bewies, dass das
Design eines Autos – vorausgesetzt die Technik hielt mit – entscheidend am
Erfolg beteiligt war. Die Limousinen zeichnete der Gründer William Lyons
selbst, die Sportwagen entwarf der Aerodynamiker Malcolm Sayer, der nach dem
Krieg aus der Luftfahrtindustrie zu Jaguar gekommen war. Der XK 120 von 1948,
die Rennwagen C- und D-Type, vor allem aber der XK-E von 1961 machten Jaguar zu
einer festen Größe der britischen Automobilindustrie. Gemessen an anderen
Oberklasse-Limousinen waren die auch sportlicheren Jaguar-Saloons stilistisch
bis 1963 weit vorne.
Vom Oberhaus in
die Vorstädte
Rover war neben Ford England bis in die 1960er Jahre einer
von zwei Herstellern mit einer Designabteilung, die klein, aber fein war. David
Bache hatte mit dem Rover P5 eine repräsentative Limousine gezeichnet, die
englische Werte mit amerikanischen Einflüssen (Chrysler 300) vermischte. 1963
lieferte er mit dem P6 eine moderne Mittelklasse-Limousine ab, die 14 Jahre
lang nahezu ohne Retusche in Produktion blieb.
Für die viel größere Austin-Gruppe spielte Design eine untergeordnete Rolle. Der Italiener Ricardo Burzi war Ende der 1920er Jahre auf Empfehlung von Vincenzo Lancia zu Austin gekommen und entwarf plumpe, knubbelige Modelle. Als man damit ab 1957
nicht weiter kam, beauftragte man – wen sonst? – Pininfarina, der für viele Jahre Austins
Hausdesigner blieb. Der A40 Farina brachte italienisches Flair ins Reich des
Nebels.
Austins ewiger Rivale war Triumph-Standard.
Auch hier suchte man Ende der Fünfzigerjahre nach neuen Lösungen, doch eine
eigene Designabteilung gab es nicht. Da Pininfarina bereits gebucht war, blieb
nur der Weg zum Konkurrenten Michelotti. Dieser entwarf zwischen 1957 und '77
alle Triumph-Modelle wie den Herald, den TR4, den 2000 und den Spitfire.
Design
ohne Gestaltung?
Was ist eigentlich, wenn ein Auto vor allem
seiner Form wegen geliebt und verehrt wird, diese Form aber nicht im
klassischen Sinn »designt« wurde, sondern von einem Konstrukteur bzw. Ingenieur
um die Technik herum »gefummelt« wurde? Natürlich sprechen wir auch hier von
Design, denn das Objekt bzw. Produkt hat ja eine Gebrauchsform. Dem Erfinder
des Austin Mini, Alec Issigonis, war Design suspekt. Er glaubte an die
Überzeugungskraft der guten technischen Lösung, was ihm beim Mini auch gelang.
Seine frühen Skizzen zum Mini zeigen auch, dass er von Anfang an eine Vorstellung
der Karosserieform hatte, auf die Ausarbeitung von gestalterischen Details, ja
gar eine Ausschmückung verzichtete er ganz bewusst. So gelangte der Mini in die
paradoxe Situation, innerhalb weniger Jahre nach seinem Erscheinen 1958 zu
einem Zeichen von Modernität, Hipness, Swinging London etc. zu werden, obwohl
er konstruiert und nicht designt worden war. Heute gilt er als Design-Ikone ...
Das Elend der britischen Autoindustrie lag
noch in weiter Ferne – doch der Verzicht auf technische und gestalterische
Weiterentwicklung begann bereits Mitte der 1960er Jahre.
Freitag, 17. August 2012
Folge 12: Gestalterische Investitionen
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Europa in den
1950er Jahren
Als sich die Nachkriegswirtschaft erholt hatte und neue
politische und wirtschaftliche Stabilität in Europa herrschte, war die
Nachfrage oft größer als das Angebot und die Aussicht auf ein funktionierendes
Produkt ließ sein Aussehen oft in den Hintergrund treten. Das war auch beim
Automobil so. Bis 1955 produzierten die meisten Hersteller leicht modifizierte
Vorkriegsmodelle. In den wenigen Stylingabteilungen standen Männer, die schon Ende
der 30er Jahre dort gestanden hatten: Herrmann Ahrens und Friedrich Geiger bei
Mercedes, Peter Szymanowski und Wilhelm Meyerhuber bei BMW, Erwin Kommenda bei
Porsche. Ford und Opel arbeiteten nach Vorgaben aus den USA, »Gastdesigner« aus
den großen Stylingstudios zeigten ihren deutschen Kollegen, wo es lang gehen
sollte. Doch um 1957 änderte sich die Einstellung. Design war ein
Verkaufsargument auf einem Markt geworden, der durch das Wirtschaftswunder
plötzlich hart umkämpft war. Das amerikanische Design war durch die vielen in
Deutschland stationierten US-Truppen gegenwärtig. Die italienische Schule
machte mit italienischen Sportwagen, aber auch mit Entwürfen für Peugeot,
Austin, Triumph auf sich aufmerksam und setzte Trends.
Neue Linien
1957 stellt Mercedes zwei junge Designer ein, den Franzosen
Paul Bracq und den Italiener Bruno Sacco. Unter ihrem Chef Geiger erarbeiten
sie die neuen Linien für die 1960er Jahre. Heraus kommen die berühmten
Flachkühlermodelle W111/112, der Pagoden-SL und der 600. Sie katapultieren die biedere Marke
plötzlich auf eine Höhe mit italienischen oder französischen Entwürfen, was man
bei Mercedes nicht gerne sieht – bloß nicht modisch werden.
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| Mercedes Benz Reihe W111 – 1961 der Beginn der Abkehr vom Flossenbarock (Daimler AG) |
BMW geht es zur gleichen Zeit so schlecht, dass eine
Übernahme durch Mercedes denkbar scheint. Veraltete Modelle (der
»Barockengel«), eine lückenhafte Modelpalette, verfehltes Management. Auch der
von Goertz designte Supersportwagen 507 kann daran nichts ändern. Mit Geld der
Familie Quandt und einer neuen Modellpolitik gelingt die Wende. Dazu trägt
nicht unwesentlich ein italienischer Designer bei: Giovanni Michelotti
gestaltet den Kleinwagen BMW 700, der ein Verkaufsschlager wird und arbeitet
danach maßgeblich an den neuen Mittelklassemodellen 1500 und 2000 mit, der
legendären »Neuen Klasse«, die mit dem Motto »Aus Freude am Fahren« eingeführt
wird.
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| BMW 700: klassische Trapezform von 1960. Design Giovanni Michelotti (Foto: BMW AG) |
Styling als Sieg der Vernunft
1960 sieht es so aus, als könne kein europäischer Hersteller
auf die Hilfe externer Designer – in der Regel Italiener – verzichten. Doch
dann tritt Ford den Gegenbeweis an mit dem Modell 17M/P3. Ein Team um den aus dem Ford Styling
Headquarter kommenden Wes Dahlberg und den jungen deutschen Designer Uwe
Bahnsen entwirft eine hochmoderne, elegante Karosserie, die übersichtlich, klar
geformt und auch noch strömungsgünstig ist. Die Front mit den in die Karosserie
integrierten Stoßstangen und den in die Stoßstangen integrierten Blinkern wird
ein Leitbild für alle Ford Modelle bis in die Siebzigerjahre. »Die Linie der
Vernunft« textet das Marketing.
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| Linie der Vernunft: Große Glasflächen, glatte Karosserie, integrierte Front. Der Ford 17M / P3 setzte 1961 Maßstäbe im Design (Foto: Ford AG) |
Montag, 13. August 2012
Folge 11: Industriedesign – Automobildesign
Industriedesign
– Automobildesign
Vom Kühlschrank
zum Auto und zurück
In den USA entstanden Industrial Design (Gestaltung von
Gebrauchsgütern) und Automobildesign parallel – die Designabteilungen der
Automobilhersteller hießen jedoch Styling Department und nicht Design
Department. Das sollte in Europa Folgen haben. In den 1920er Jahren hatten
Bewegungen und Schulen wie der Deutsche Werkbund, das Bauhaus, aber auch
Architekten wie Le Corbusier oder Adolf Loos einen Designbegriff entwickelt und
propagiert, der sich auf das Funktionale berief und jede modische Form, jedes
Ornament, jede Zutat, die nicht zu begründen war, ablehnte. Man suchte nach
idealen Formen, die nicht mehr zu verbessern waren und nicht nach der variablen
Gebrauchsform für den Konsum. In den Augen der Europäer war daher die
amerikanische Gestaltung kein Design, sondern nur Styling: eine beliebige, der
Mode unterworfene und vom Publikumsgeschmack diktierte Formgestaltung, während
das »wahre« Design nach der einen, perfekten Form suchte. Ganz wenige
europäische Industrial Designer haben sich daher vor 1970 mit dem Automobil
beschäftigt.
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Nash Metropolitan 1954, Entwurf William Flajole (Foto M. Caspers)
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Hauptsache
Design
In Detroit hatte man damit kein Problem. Es gab Konzerne,
die neben Automobilen z. B. auch Weiße Ware, Landmaschinen und Lokomotiven
herstellten (Nash, Willys, GM) und es gab Designer, die keinen Unterschied
sahen in der Gestaltung von Haushaltsgeräten, Investitionsgütern und
Automobilen. George Walker, der spätere Designchef von Ford, arbeitete davor
viele Jahre lang als selbständiger Industriedesigner und Berater für
verschiedene Firmen. Designer wie Richard Arbib oder Wiliam Flajole machte sich
nach ersten Erfahrungen bei GM selbständig und entwarfen Boote, Kühlschränke,
Uhren, Wohnwagen und Autos (der Nash Metropolitan ist der berühmteste Entwurf
von Flajole). Von Raymond Loewy und seinem Studio haben wir bereits gesprochen.
Sogar Harley Earl, der Designchef vom GM, betrieb in den 1950er Jahren nebenbei
ein Designbüro, in dem er Aufträge für Nicht-Autokunden abwickelte. Albrecht Goertz
machte sich nach seinen Jahren bei Loewy selbstständig und designte ab 1953 u.
a. Fotoapparate, Fernseher – und Autos: Kunden waren BMW, Nissan und Datsun.
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Renault R8 1962, Entwurf Renault Style, Philippe Charbonneaux (Foto
Regie Renault S.A.)
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Nur gestylt oder
schon designt?
So ein Seitenwechsel war in Europa selten. In den 1950er
Jahren gibt es nicht einmal eine Handvoll Designer, die von Haushaltsgeräten zu
Automobilen wechseln oder umgekehrt. In Frankreich wagt Philippe Charbonneaux,
der erfolgreich Möbel und Elektrogeräte entworfen hatte, den Schritt und baut
1961 bei Renault die Designabteilung »Renault Style« auf, wo unter seiner
Leitung u. a. der R8 und der R16 entstehen. In Großbritannien arbeitete Ogle
Design seit 1958 für Leyland Nutzfahrzeuge, später für Reliant. Deutsche
Designer wollen sich die Hände nicht am Styling verbrennen; erst Ende der
Sechzigerjahre gibt es Ideen aus dem Umfeld der Hochschule für Gestaltung Ulm (autonova gt
und autonova fam von Piero Manzoni und Michael Conrad) und dem Studio des
HfG-Dozenten Hans Gugelot. Styling hatte in Deutschland, der Schweiz und
Skandinavien ganz lange einen schlechten Beigeschmack. Als sich Giorgetto
Giugiaro 1968 selbstständig machte, nannte er seine Firma erst ItalStyling,
änderte den Namen dann in ItalDesign. Das war gleichzeitig der Beginn der
Emanzipation des Automobildesigns als Gestaltungspraxis.
Folge 10: Zwischen Fortschritt und Rückschritt
Zwischen
Fortschritt und Rückschritt
Design-Ikonen
der Fünfzigerjahre
Unterbrechen wir einmal kurz den historischen Abriss und
wenden wir uns der Frage zu, was gutes Automobildesign ausmacht und warum ein
Auto als »Klassiker«, »Designikone« oder als »schön« eingestuft wird. Beamen
wir uns zurück in die Jahre 1954-56, in denen einige spektakuläre
Neuerscheinungen präsentiert werden. Hier eine kleine Auswahl: Citroen DS 19,
BMW 507, Alfa Romeo Giulietta Sprint, Mercedes-Benz 300 SL, Lincoln Continental
Mk 2. Welches der vorgenannten Modelle ist kein Design-Meilenstein? Richtig,
der Mercedes-Benz 300 SL.
300 SL vs. 507
Der 300 SL ist eine Sportwagenikone, ist ein technisches
Bravourstück, ein Marken-Mythos. Aber vom gestalterischen Gesichtspunkt ist er
ein krudes Etwas, eine holprige Mischung aus Rennsportwagen, Chrombarock und
ungelenken Partien. Der damalige Mercedes-Benz Entwicklungschef Uhlenhaut hat
beim IAA-Rundgang 1955 angesichts des neuen BMW 507 gesagt: „so etwas kriegen
wir nicht hin“. Damit hatte er recht. Die funktionale, reduzierte Klarheit des
Rennsportwagens 300 SLR kann der 300 SL nicht weiterführen; seine Heckpartie
ist schon 1955 altmodisch. Der unbestrittene Supersportwagen bzw.
Rennsportwagen-Abkömmling ist keine Designleistung, sondern eine
Karosserieentwicklung.
Dagegen der BMW 507: eine schlanke, elegante Raubkatze auf
dem Sprung, für heutige Verhältnisse sehr hochbeinig und schmal, damals wie
heute formal überzeugend. Der Ex-Raymond Loewy-Studebaker-Designer Albrecht
Graf Goertz bekommt 1954 die Chance seines Lebens und nutzt sie. Der 507 hat
über die Jahrzehnte zwar nicht das mythische Potenzial des 300 SL erreicht,
aber das Auge des Gestalters erfreut er mehr.
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BMW 507 von 1955: Schlank, grazil, fast italienisch, aber von einem Deutschen designt (Foto BMW AG)
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Giulietta und
Deésse
Bertones Alfa Romeo Giulietta Sprint von 1954 zeichnet sich
durch knappe Maße und Proportionen aus, die nahezu prototypisch für die
kompakten Sportcoupés der 1950er und 60er Jahre werden. Der englische
Designwissenschaftler Reyner Banham hat die Giulietta Sprint schon wenige Jahre nach
ihrem Erscheinen als mustergültiges Design gelobt, weil die Karosserie alles
„erzählt«, was sinnvoll und wichtig ist.
Citroens DS dagegen ist eigentlich ein Paradoxon: Designer
Flaminio Bertoni hatte die DS ursprünglich nach den Regeln des utopischen
Streamline-Design der 1930er Jahre gezeichnet – 1955 war das schon „outdated“. Durch wenige, aber entscheidende Kniffe gelingt es ihm, die DS zum
futuristischen Auto schlechthin zu machen. Ein riesiges Greenhouse mit einem
dünnen Dach, das wie eine dünne Kappe scheinbar nur auf den C-Säulen ruht,
lassen den Wagen wie ein viertüriges Cabriolet mit Hardtop wirken. Die glatte
Gesamtform kommt wie aus einem Guss daher und wird nur durch die Türen,
Motorhaube und Kofferraum in große, klare Flächen zerschnitten. Die am Dach
angebrachten Blinker und der fehlende Kühlergrill fügen einen weiteren Schuss
Futurismus hinzu.
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Lincoln Continental Mk II von 1956: Den Cadillacs und Bentleys weit
voraus (Foto Ford Motor Corporation)
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Der moderne
Brite aus USA
Die Ford-Edelmarke Lincoln schuf mit dem Continental Mk ein
Auto, das allen GM-Kreationen mindestens ebenbürtig, wenn nicht voraus war.
Fünf interne und externe Teams wurden an das Prestigeobjekt angesetzt. Das
siegreiche Team unter John Reinhard und Gordon Buehrig schuf ein Luxus-Coupé,
das europäische Einflüsse mit amerikanischer Größe verband – das einzige
formale Manko ist die nostalgische Reserverad-Ausbuchtung im Kofferraumdeckel.
Auch wenn wir heute Bentleys Continental kultig finden, 1956 war der Lincoln
ganz weit vorn.
Ob man einen der vorgenannten Wagen schön findet, steht auf
einem anderen Blatt – dazu hat jedes Design das Potenzial und jeder Betrachter
das Recht. Gerade in der Mitte der 1950er Jahre steht das Automobildesign vor
einer Bewährungsprobe: Mut zum Neuen, Sachlichen, Knappen oder Rückgriff auf
tradierte Formen, die der Technik eigentlich nicht angemessen sind.
Folge 9: Exportschlager italienischer Stil
Exportschlager
italienischer Stil
Die Scuola
Italiana erlangt Weltgeltung
In den 1950er Jahren erholte sich Oberitalien dank
Marshall-Plan und europäischem Verbund relativ schnell. Die seit 1933 in
Mailand stattfindende Designmesse »Triennale« rückte in den Jahren 1954 und
1957 eine neue Formensprache ins Licht, den »Stil Novo«. Die geschwungenen
Formen setzten sich klar vom rechtwinkligen Funktionalismus des Bauhaus, aber
auch vom chrombeladenen Streamline-Stil der Amerikaner ab. Italienisches Design
war von nun an ein Markenzeichen – auch und gerade im Automobildesign.
Europäische und amerikanische Hersteller kooperierten mit den Studios der
Scuola Italiana und schmückten sich mit deren Namen: Chrysler, VW, Volvo und
Fiat mit Ghia; Nash, GM, Peugeot, Lancia und Austin mit Pininfarina; BMW, Alfa
Romeo, Fiat, Simca mit Bertone – von den Sportwagenherstellern gar nicht zu
reden.
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| BMW 501 »Barockengel«: Bewahrung des Vorkriegs-Looks (BMW AG) |
50er Jahre:
Konstruktion statt Entwurf
Während die amerikanischen Hersteller nahezu ausnahmslos
eigene Styling- bzw. Designabteilungen unterhielten, war das Thema Entwurf bei
den Europäern nachgeordnet. Kaum einer der größeren Hersteller hatte vor 1960
eine eigene Stylingabteilung – und wenn, dann war sie der Konstruktion
untergeordnet. Die Ingenieure hatten das Sagen. Bis in die späten 1950er Jahre
hielten viele Hersteller zudem am Vorkriegsgeschmack fest; der BMW 501
»Barockengel«, der 190er und der 300er Mercedes »Adenauer« kamen stilistisch
noch aus den späten 1930er Jahren. Um frischen Wind in die Produktpalette zu
bringen, beauftragte man externe Studios, in der Mehrzahl die italienischen.
Einzelne Designer wie Michelotti oder Frua, vor allem aber die großen Studios
wurden zum Entwurfs- und Entwicklungspartner der etablierten Hersteller. Oft
standen die hausinternen Stilisten in Konkurrenz zu den externen Entwerfern;
gegen den italienischen Stil Novo hatten sie meist keine Chance.
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Lancia Flaminia Coupé von Pininfarina – die Trapezlinie der späten
Fünfzigerjahre
|
Pininfarina
Von den Studios der Scuola Italiana ist keines so
einflussreich (und letztlich auch erfolgreich) gewesen wie PininFarina. Battista
Farina hatte ein untrügliches Gespür für das Auto der Zukunft: schlank,
sachlich, dennoch elegant. Er und seine Designer schufen Kleinwagen, Mittel-
und Oberklasselimousinen, Coupés und reinrassige Sportwagen und verhalfen
etlichen Marken zu einem Stil, zu einem Gesicht. Auch wenn Bertone, Ghia,
Touring, Vignale und Zagato fantastische Entwürfe auf die Straße brachten,
niemand war so produktiv und innovativ wie PininFarina. Der Einfluss dieses
Studios war von 1946 an bis in die 70er Jahre nur mit GMs Styling Department zu
vergleichen. Erst als in den 1970er Jahren nahezu alle Hersteller eigene
Designabteilungen eingerichtet hatten und an einem Marken typischen
Erscheinungsbild arbeiteten, wurde der Einfluss von Pininfarina, wie die Firma
und die Familie ab 1962 offiziell geschrieben wurden, etwas weniger. Auf diese
große italienische Designschmiede werden wir noch häufig zu sprechen kommen,
denn von Gesamtdesigns bis hin zu Detaillösungen erwies sich Pininfarina als
das innovativste Studio.
Folge 8: Die Scuola Italiana
Die Scuola
Italiana
Vom Kutschbau
zum Designstudio
Anders als in den Vereinigten Staaten war das Automobil in
Europa bis in die 1930er Jahre hinein ein Luxusprodukt. Die meisten Hersteller
stellten nur die »Rolling Chassis« her und spezielle Zulieferer, die häufig aus
dem Kutschbau kamen, entwarfen und bauten die Karosserien, oft nach
Kundenwunsch. So war die Situation auch in Italien, wo die meisten
Karosseriebetriebe in der Nähe der Industriezentren Turin und Mailand saßen.
Giovanni Farina hatte 1919 die Stabilimenti Farina gegründet, eine
Karosseriebaufirma, die sich ganz dem neuen Produkt Auto widmete. Fiat und
Lancia waren auf dem Weg zu Großserienherstellern, Alfa Romeo gehörte noch zu
den kleinen, feinen Marken. Bei Giovanni Farina lernte nicht nur sein jüngerer
Bruder Battista das Handwerk des Karosseriebauers, sondern auch Alfredo
Vignale, der sich wie Battista Farina später selbständig machte – die Wiege der
Scuola Italiana, der italienischen Schule des Automobildesigns.
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Alfa Romeo 6C 2600 mit Touring-Karosserie von 1939. Vollendete
Kompaktform mit integrierten Kotflügeln. Foto M. Caspers
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Magier des
Blechs
Die italienischen Karosseriebauer galten zwischen 1920 und
1960 als die unbestrittenen Meister ihres Fachs. Viele waren im
althergebrachten Sinn »Kunsthandwerker«, d. h. sie entwarfen und produzierten
gleichermaßen. Bis in die 1960er Jahre gab es wahre Magier des Blechs, die ohne
1:1 Zeichnung, nur von einer Skizze ausgehend, die Bleche in Form trieben.
Medardo Fantuzzi bspw. schuf noch in den frühen 1960er Jahren Rennkarosserien
für Maserati »aus dem Kopf« bzw. direkt von der Skizze ins Blech. Der legendäre
amerikanische Designer und Chrysler-Chefstylist Virgil Exner Sr. beschrieb in
den 1950er Jahren nach einem Besuch der Carrozzeria Ghia (die für Chrysler
arbeitete) sein ungläubiges Staunen, wie die Handwerker nur mit dem Hammer und
einfachsten Holzschablonen aberwitzige Kurven und Falze ins Blech trieben. Dazu
kam, dass Italien bis in die 50er Jahre hinein ein Niedriglohnland war und die
Herstellung eines Prototypen nur ein Drittel, manchmal nur ein Zehntel dessen
kostete, was in den USA veranschlagt wurde.
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| Lancia Aprilia Aerodinamica 1937 mit Pininfarina-Karosserie. Foto Pininfarina S.p.A. |
Der »Kleine«
wird ganz groß
1930 machte sich Battista Farina, der jüngere Bruder von
Giovanni, unter seinem Kosenamen Pinin (der Kleine) selbstständig. Fast aus dem
Stand avancierte die Carrozzeria PininFarina zur ersten Adresse des
italienischen Karosseriebaus, sowohl für Sport- und Rennwagen, als auch für
Luxusanfertigungen. Berühmte italienische Autodesigner wie Giovanni Michelotti
und Pietro Frua hatten bei PininFarina gelernt, bevor sie sich nach dem Krieg
selbständig machten. Doch vor allem die Konkurrenz verschiedener Firmen führte
zur Vorrangsstellung des italienischen Automobildesigns in Europa: Die
legendäre Carrozzeria Touring (1926 gegründet) entwickelte das
»Superleggera«-Prinzip einer filigranen Rohrrahmen-Karosserie, über die
Aluminiumbleche gespannt wurden. Die bereits seit 1919 bestehende Carrozzeria
Zagato bestach durch unnachahmliche Sport- und Rennkarosserien und gehörte
neben der schon 1912 gegründeten Carrozzeria Bertone zur Avantgarde der Scuola
Italiana im Automobildesign.
Folge 7: Turin und Detroit
Turin und
Detroit
Die italienischen Carrozzerie hatten sich bereits in den
1930er Jahren mit ihren Entwürfen für Luxusautos und für Sportwagen weltweit
Anerkennung verschafft. Die amerikanischen Hersteller glänzten mit Massenware und
Chrom. Zwei verschiedene Welten? Ja und nein. Denn Turin und Detroit arbeiteten
viel enger zusammen, als man denkt.
Fließband gegen
Handarbeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Europa in Trümmern, für
Luxusautos und Rennwagen war der Bedarf extrem geschrumpft. Es ging um
Massenmotorisierung auf zwei und auf vier Rädern. Massenmotorisierung bedeutete
aber Fließband und Standardisierung – beides die Todfeinde der italienischen
Karosseriebetriebe mit Handarbeit. Die größten von ihnen, Bertone, Ghia, Pininfarina
und Touring, suchten sehr früh internationale Kontakte, denn die italienische
Autoindustrie allein war zu klein, um alle Stylingstudios zu ernähren. Harley
Earl schätzte Battista Pininfarina sehr, traf ihn einige Male auf Auto Shows.
Daraus entstanden Kontakte zu GM, vor allem aber zu Nash, für die die Italiener
»Hausschneider« wurden und Nash zu einem Trendsetter machten. Pininfarina war
bereits in den 1920er Jahren in den USA gereist, um sich bei Ford über die
aktuellen Trends zu informieren.
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| Der 1951 (!) von Pininfarina designte Nash Ambassador blieb ein futuristischer Prototyp (Archiv) |
Concept Cars aus
Turin
Schon 1949 hatte Virgil Exner, der spätere Designchef von
Chrysler, die Zusammenarbeit mit Turin forciert und erarbeitete mit der
Carrozzeria Ghia sowohl Concept Cars wie die berühmten »Gilda« und »Dart« als
auch Serienmodelle. Es war aber nicht nur der Stil, mit dem die Italiener
punkteten – sie waren außerdem exzellente Handwerker und viel günstiger als die
amerikanischen Karosseriebauer, von denen es im Zuge der Standardisierung und
Rationalisierung immer weniger gab. Selbst die Verschiffung der Chassis
eingerechnet, war es billiger, Concept Cars und Showcars in Italien aufbauen zu
lassen und dann nach Detroit zurück zu schicken, als sie von US-Betrieben vor
Ort bauen zu lassen.
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Gilda von 1955 war eine Zusammenarbeit von Chrysler mit Ghia und eine
Reverenz an die Schauspielerin Rita Hayworth in dem gleichnamigen Film
(Chrysler Corp.)
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Exportschlager
Stil
Dennoch
war es für einige italienische Carrozzerie nicht leicht, das Überleben zu
sichern – Bertone stand trotz Arbeiten für Alfa Romeo 1952 kurz vor der Pleite
und wurde durch einen Auftrag für den amerikanischen Geschäftsmann »Wacky«
Arnolt gerettet (der Arnolt-Bristol bekam eine Bertone-Karosserie). Italiens
großer Exportschlager in den 1950er Jahren war aber der Stil bzw. das
italienische Design. Der nächste Schritt für die Turiner Studios war daher,
eigene Produktionslinien aufzubauen, auf denen sie Serien für die großen
Hersteller bauten – eine frühe Form des Outsourcing. Kleinere Firmen versuchten
sich als reine Stylingstudios zu profilieren oder bauten Kleinstserien in
Handarbeit für Ferrari, Maserati oder Alfa Romeo: Vignale, Zagato, Frua,
Michelotti, Nachdem Mitte der 1950er Jahre Europa wieder prosperierte, kam das
auch der Automobilindustrie zu Gute – der Absatz zog an. Da die meisten
europäischen Hersteller noch keine eigene Stylingabteilung besaßen, kaufte man
sich die Expertise und den Stil der Italiener ein – der Beginn des Siegeszugs
der »Scuola Italiana« im Automobildesign und die europäische Antwort auf den
Chrombarock der Amerikaner. Bis Ende der 1960er Jahre sollte das so bleiben.
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